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Zur Entwicklungsgeschichte des Trivialromans bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, insbesondere zum Abenteuerroman des 19. Jahrhunderts


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Zur Entwicklungsgeschichte des Trivialromans bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, insbesondere zum Abenteuerroman des 19. Jahrhunderts
Von Helmut Wurm Schützenstr. 54, D-57518 Betzdorf/Sieg

Inhaltsverzeichnis
1. Zum Begriff und Wortsinn von "trivial"
2. Allgemeine Grundfragen zum Thema Trivialliteratur
3. Zur Geschichte der Trivialliteratur und ihrer Erforschung
4. Zur Geschichte des Unterhaltungsromans

4.1. Die Unterhaltungsromane bis zum Ende des 18. Jhs.

4.2. Die Entwicklung des Unterhaltungsromans im 19. Jh.

4.3. Die Entwicklung des Unterhaltungsromans im 20. Jh.


5. Der Abenteuerroman als Teilbereich der Trivialliteratur

5.1. Merkmale und Entwicklungsgeschichte

5.2. Der exotisch-völkerkundliche Abenteuerroman des 19. Jhs.

5.3. Der deutsche exotisch-völkerkundliche Abenteuerroman bis



einschließlich Karl May
6. Zusammenfassung
7. Literaturhinweise
8. Mögliche literarische Vorbilder von Karl May
9. Biografische Nachträge zu den wichtigsten deutschsprachigen Verfassern von Indianerromanen

1. Zum Begriff und Wortsinn von "trivial"
Der Terminus kommt von dem lateinischen Fachausdruck "trivium" für Wegekreuzung, Dreiweg. Damit wurde im Mittelalter der scholastische Studiengang der drei niederen Wissenschaften der mittelalterlichen Sprachlehre (der Grammatik, der Rhetorik und der Dialektik) gemeint. Sie waren die Grundlage für das folgende höhere Studium des "quadriviums". Dieser lateinische Begriff, der einen Kreuzweg mit 4 Wegerichtungen meinte, umschloss das Studium des Komplexes der vier mathematischen und naturwissenschaftlichen Einzelwissenschaften Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Weil diese Künste seit der Spätantike als Grundlage für das Wissen der freien Männer galten und deswegen die freien Künste hießen und weil das trivium wiederum die Grundlage für die anderen artes liberales und artes mechanicae bildeten, bezeichnete der Begriff "trivial" diejenigen Bildungsinhalte, die allgemein bekannt, die auf jeder Straße zu finden sind, die als nicht sehr anspruchsvoll gelten. Trivialliteratur ist entsprechend eine wenig anspruchsvolle Literatur, die in Massen überall zu finden ist.
Der Terminus "trivial" ist erst spät in den deutschen Sprachgebrauch eingedrungen. In italienischen, englischen und französischen Texten des 16./17. Jhs. war das Wort trivial bereits bekannt und wurde in dem heute üblichen Sinn benutzt. Im Deutschen war in dieser Zeit nur das Wort "gemein" bekannt. Im Lateinischen hatte die Benennung „trivialis“ einen semantisch weiteren, von allgemein bekannt bis zu einem deutlichen abwertenden Sinn. Im Französischen hatte dieser Terminus bis dahin noch jene semantische Weite behalten und umfasste noch im beginnenden 18. Jh. je nach Autor, individueller Auslegung und Kontext die Qualifikationsskala von häufig benutzt, häufig bekannt bis gemein, niedrig, schlecht, gering. Bezüglich des Sprachniveaus stand er im Gegensatz zu gewissen normativen ästhetischen Ansprüchen. In jenem abwertenden Sinne wurde es oft synonym für vulgär benutzt.
Zu Ende des 17. oder zu Anfang des 18. Jhs. drang dieses Adjektiv vermutlich über das Französische in das Deutsche ein. Da damals das französische "trivial" ein gelehrtes Wort der gebildeten Gesellschaftsschichten war, gelangte es vermutlich über die gebildete Literatur und Konversation in die deutsche Sprache. Dabei ist jenes ins Deutsche eingedrungene Fremdwort als die direkte Fortsetzung des lateinisch-romanischen "trivial" anzusehen. Im Französischen und Englischen setzte dann im Verlauf des 18. Jhs. eine Verschiebung des Wortsinnes immer mehr zu abwertenden Aspekten hin ein. Im Deutschen blieb er aber anfangs von jener Bedeutungsverschlechterung weitgehend unberührt und erreichte bei weitem nicht das Ausmaß des französischen pejorativen Aussagewertes, so dass bei Übersetzungen vom Französischen ins Deutsche der deutsche Wortsinn bei trivial einen weiteren Sinn hatte als bei dem entsprechenden französischen Autor. Er umfasste die Interpretationen "allen gemeinsam, häufig vorkommend, von allen benutzbar" bis hin zu "nicht originell, platt, gewöhnlich, alltäglich, abgedroschen". Im Französischen erfolgte diese Abwertung durch eine Annäherung der beiden Worte "trivial" und "banal". Im Deutschen wurde dann ab der 1. Hälfte des 19. Jhs. speziell zur Kennzeichnung des abwertenden Bedeutungssinnes das französische "banal" übernommen, so dass die beiden Benennungen "trivial" und "banal" sich ergänzend, aber noch nicht synonym nebeneinander her benutzt wurden.
Allmählich verschob sich dann auch im Deutschen der Wortsinn immer mehr hin zu einem affektiven Begleitsinn, zur Kennzeichnung von Gewöhnlichem, Plattem, ohne dass die Benennung "banal" dadurch verdrängt oder gänzlich synonym benutzt worden wäre. Diese abwertende Bewertung, kann dabei einmal in den als trivial bezeichneten Vorstellungen und Inhalten selber liegen, zum anderen kennzeichnet trivial auch Inhalte und Gedanken, die durch zu häufigen Gebrauch oder durch Popularisierung an Originalität verloren haben. Im erstgenannten Interpretationssinn sollen damit flache, simple Gedankengänge, Selbstverständlichkeiten, läppische, alltägliche Redewendungen, literarisch unbedeutende Erzeugnisse, künstlerisch wertlose Werke, billige Späße, nichts sagende Textinhalte und Anspruchslosigkeit gegenüber künstlerischen Fragen ausgedrückt werden. Der zweite erwähnte Interpretationssinn kennzeichnet dann mehr die historische Entwicklung der Rezep-tion eines Textes vom anfänglich nur im kleinen Kreis der Gebildeten gelesenen Text bis hin zu seiner späteren Verbreitung als allgemein bekannte Massenlektüre.
Der Terminus Trivialliteratur wurde 1855 von dem Naturforscher, Botanikprofessor und Literatur-kritiker Matthias, Jakob Schleiden (1804-1881) zum ersten Mal benutzt, vermutlich auch von ihm geprägt (M. J. Schleiden, 1855: Studien, S. 143, Leipzig). Er verstand darunter "niedriges und wertloses Unterhaltungsschrifttum" bzw. "ein für den Literaturhistoriker unergiebiges, uninter-essantes Forschungsfeld". Es handelte sich um eine typisch deutsche Wortschöpfung, da in den anderen europäischen Sprachen das Adjektiv "trivial" nicht zur Charakterisierung einer ganzen Literaturgattung benutzt wird. Im Französischen benutzt man für die weniger abwertende Einschätzung von trivial bei der Literaturklassifizierung den Fachausdruck "littérature populaire", im Rahmen des abwertenden Bedeutungsbereiches von trivial die Termini "sous-littérature" oder „littérature vulgaire“. Schleidens Wortprägung beinhaltet also mehr den 'abwertenden Bedeutungs-teil' von trivial. In diesem Sinne hat dann auch Marianne Thalmann 1923 diesen Fachausdruck in den literarhistorischen Sprachgebrauch eingeführt.
2. Allgemeine Grundfragen zum Thema Trivialliteratur
Seit den Anfängen der Literatur wurde über das, was wenige bedeutende Literaten geschrieben haben und was von relativ wenigen gelesen wurde, sehr viel mehr geschrieben, als über das, was von vielen weniger bedeutenden Verfassern in großen Mengen geschrieben wurde und was sehr viele gelesen haben. Der Grund für diese stiefmütterliche Behandlung der trivialen Volksliteratur, der unterhaltenden Massenliteratur durch die Literaturwissenschaft lag einmal in den traditionellen Vorurteilen gegenüber der angeblich literarisch-künstlerischen Minderwertigkeit dieser Massenliteratur, die es bis in die 60-iger Jahre in Deutschland erschwerte, dass sich ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen mit ihr befassten. Andererseits war auch die Schwierigkeit daran schuld, ausreichendes Quellen-material zum Umfeld dieser Trivialliteratur zu finden, denn die großen Bibliotheken hatten sich in der Vergangenheit ebenfalls gescheut, Material über und zu dieser profanen Massenliteratur zu sammeln. So sind anfangs wesentliche und umfänglichere Beiträge zu dieser Literatur weitgehend von privaten Gruppen und Sammlern veröffentlicht worden oder von privaten Gesellschaften, die eng mit Trivialliteratur publizierenden Verlagen zusammenarbeiteten, wie z.B. die "Karl-May-Gesellschaft" oder der Grazer "Verein für Freunde der Volksliteratur".
Es gibt erhebliche Schwierigkeiten bereits zu Anfang bei der wissenschaftlichen Analyse dieses Bereiches der Literatur. Sie bestehen in der Suche nach geeigneten Fachbenennungen und Einteilungsmerkmalen, in der Erforschung der historischen Entwicklung, in der Beurteilung und Zusammenstellung der infrage kommenden Autoren und Konsumentengruppen, in den Wechselbeziehungen zur Hochliteratur, in der Herausarbeitung inhaltlicher, stilistischer und struktureller Merkmale und in der sozialen und psychischen Wirkung auf die Leser. Wegen der Vielfalt dieser Problematik ist interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Einzeldisziplinen der Literaturwissenschaft, der Soziologie, Volkskunde, Journalistik und Geschichte notwendig.
Der typische Leser normaler Trivialliteratur von mittlerem Wert erwartet eine erlebnishafte, emotionale Befreiung aus den Zwängen des Alltags, eine Selbstentfaltung und Befriedigung von Gemütsbedürfnissen und Wünschen in der Phantasiewelt und eine spannende Unterhaltung. Voraussetzung dafür ist ein gewisser Identifikationswert oder zumindest eine Identifikations-möglichkeit mit den Textinhalten und eine gewisse Nähe dieser Textinhalte zu realen Lebenswelten oder zu verbreiteten Phantasiewelten. Die Wirklichkeit der Textinhalte ist also selber eine Mischung aus Realität und Märchenwelt und endet meistens in irgend einer Form harmonisch. Heldenhafte Hauptfiguren sind häufig überdurchschnittlich erfolgreich und befähigt. Probleme des Lebens, der Liebe und Gefahren werden erfolgreich gelöst. Ein sozialer Aufstieg gelingt meistens, ein sozialer Abstieg wird immer vermieden. Um den Unterhaltungswert zu erhöhen, enthalten triviale Texte häufig Motive und Elemente aus der Abenteuerwelt, der Kriminal-, Liebes- und Schauerromantik und aus der Sience-Fiction-Produktion.
Schon die Frage, ab wann es eigentlich Trivialliteratur gegeben hat, löst Unsicherheiten aus. Das historische Alter dieser Literaturgattung hängt offensichtlich davon ab, welche Merkmale ihr zugeordnet werden. Behauptet man z.B., Trivialliteratur werde vor allem dadurch charakterisiert, dass sie die Erfüllung jener menschlichen Wünsche in der Phantasie ermögliche, die in der Realität in der Regel unerfüllbar wären, dann würden sich ihre literarischen Wurzeln bis in die frühesten Mythologien erstrecken. Wären Merkmale das Happyend, gekoppelt mit der Darstellung alltäglicher oder realistischer Lebensabläufe, dann enthielten viele Werke der sog. Hochliteratur auch Komponenten der Trivialliteratur. Andere mögliche abwertende Merkmale der Trivialliteratur wie ein übermenschlicher Held, die Einarbeitung Spannung erzeugender Motive und Handlungsstränge, das Bemühen um angenehme Unterhaltung des Lesers und Überfrachtungen mit verschiedenen inhaltlichen Tendenzen finden sich ebenfalls, allerdings mit graduellen Unterschieden, in der sog. Hochliteratur. Und neben dieser Hochliteratur hat es seit der Schriftlichkeit und ersten Literatur schon immer Texte gegeben, die überwiegend nur unterhalten wollten und die den außerästhetischen Bedürfnissen der Literaturkonsumenten besonders entgegenkamen. Welche Werke z .B. der hoch- und spätmittelalterlichen Epoche unter diesen Aspekten bereits als Vorläufer der Trivialliteratur gelten können (sicher waren einige hauptsächlich zur zuhörergerechten Unterhaltung der höfischen Gesellschaft konzipiert worden), müssten neuere literaturkritische Untersuchungen herausarbeiten.
Trivialliteratur ist nicht nur überwiegend in Romanform niedergelegt worden, sondern auch in Form kleinerer Prosastücke bis hin zur Kleinform des Witzes, ferner in form von Gedichten und Bühnen-bearbeitungen. Aber die Trivialliteraturforschung hat sich besonders mit dem Trivialroman befasst, weil bei ihm die inhaltlichen, strukturellen und stilistischen Merkmale dieser sogen. minderwertigen Literatur am deutlichsten hervortreten.
Eine weitere Forschungsfrage wäre eine mögliche Abgrenzung von Trivialliteratur und Unterhal-tungsliteratur. Beide Benennungen sind zwar häufig synonym verwendet worden, es gibt aber auch Wissenschaftler, die die Trivialliteratur als zusätzliche abwertende Stufe unterhalb der Unter-haltungsliteratur ansiedeln, also als eine in literarischer wie in vermarkteter Form besonders minderwertige Literaturform. Danach begänne diese weitere Aufgliederung der minderwertigeren Literatur ab dem Ende des 19. Jhs. mit den Kolportageromanen, mit den aus den USA über-nommenen Groschenheftchen, mit den Serienheftchen und mit den Verfasserkollektiven bei den Billigliteratur produzierenden Verlagen. Die Mehrzahl der Literaturhistoriker hat sich aber mit einer Zweiteilung der Literatur in Kunst/ Hochliteratur/hohe Literatur/Höhenkammliteratur und Trivialliteratur/Unterhaltungsliteratur/ niedere Literatur/ Massenliteratur begnügt. Weitere Differenzierungen innerhalb dieser beiden Gruppen werden durch qualifizierende Adjektive, synonyme Benennungen oder Umschreibungen vorgenommen.
3. Zur Geschichte der Trivialliteratur und ihrer Erforschung
Trivialliteratur hat es also seit dem Beginn einer Literatur gegeben. Solche Literatur wollte seit ihren Anfängen unterhalten, von einer unbequemen Wirklichkeit ablenken, die Sensationslust befriedigen, einfache Indikationsmuster liefern und Affekte und Phantasien befriedigen. So gab es bereits im vorgriechischen Altertum fiktive Reise- und Abenteuerliteratur, in der griechischen und römischen Dichtung triviale Kriegs-, Abenteuer-, Reise-, Liebes-, Sagen- und Märchenliteratur und die trivial-banale Gestaltung komischer Ereignisse. Im Mittelalter gehörten zur Trivialliteratur viele Prosa-Kurzformen, wie die Kriminal- oder Abenteuererzählungen, schwankhafte, burleske Erzählungen, flache Heldenepen und in gebundener Form die Straßenballade und die Spielleutedichtung. Zu Beginn der frühen Neuzeit begann sich dieser Trivialliteratur-Pool deutlicher in eigenständige Prosa-Literaturzweige aufzugliedern, nämlich in die komisch-derb-satirisch-schwankhafte Literatur, in Abenteuerliteratur, in Kriminalliteratur, in historisch-unterhaltende Literatur und in Grusel- und Schauerliteratur. Ab dem 20. Jh. kam noch die Zukunftsphantasie-Literatur hinzu.
In gebundener Sprachform kam im 18. Jh. als Weiterentwicklung der Spielleutedichtung der Bänkelsang hinzu. Weitgehend synonym dafür wird auch der Fachbegriff "Moritat" benutzt. Das Wort Bänkelsang kommt von der einfachen Bank, auf die der Bänkelsänger in der Schenke oder auf dem Dorfplatz stieg, um besser gehört zu werden, bzw. von der einfachen Bühne, die aus Bänken hergestellt worden war. Das Wort ist 1709 zum ersten Mal belegt. Der Terminus "Moritat" kommt vermutlich von der Mordtat, einem beliebten Thema dieser Darstellungen.
Zum Bänkelsang gehörten die gemalten Bilderschilde, die das Vorgetragene illustrierten, und bebilderte Texthefte, die an die Zuhörer/Zuschauer verkauft wurden. Untermalt wurde der gebundene, strophische Vortrag durch die Begleitung von Laute, Geige, Harfe, Akkordeon und später von Drehorgel. Es handelte sich also infolge der Einheit von Wort, Musik, Bild und Gestik um eine frühe Form der Multi-Medial-Show. Auftritts- und Vortragsorte der sozial und literarisch wenig geachteten Bänkelsänger waren die Feste der einfachen Bevölkerung, Jahrmärkte und Messen."
Vorformen des Bänkelsanges waren neben den Spielleutedichtungen auch die Nachrichtenansager der neuzeitlichen Stadtkulturen. Weiterentwicklungen des Bänkelsanges finden sich in der (nicht mehr zur Trivialliteratur gehörigen) sozialkritischen modernen Literatur des 20. Jhs. (z.B. Frank Wedekind, Bert Brecht) und im Kabarett. Das einfache Grundmuster ist über die Jahrhunderte hinweg erkennbar geblieben. Ausgangspunkt ist meistens eine spektakuläre Störung der menschlichen oder natürlichen Ordnung durch Verbrechen, Kriege, Unglücksfälle und Naturkatastrophen. Irdische Gerichtsbarkeit, göttliche Fügung oder günstige Zufälle stellen die alte Ordnung wieder her. Damit verquickte der Bänkelsang sowohl Sensationsbefriedigung als auch moralisierende Belehrung. Denn einmal verbreitete der Bänkelsang sensationelle Neuigkeiten, z.B. Räuber-, Mord-, Liebes- und Familiengeschichten, zum anderen ermahnte er zu sozialem und religiösem Wohlverhalten.
Nach der Befriedigung der Sensationslust beim Zuhörer/Zuschauer nahm er Rücksicht auf dessen Sehnsucht nach einer gerechten und friedlichen menschlichen Ordnung. Politische Themen kamen seltener vor, richteten, sich dann mehr gegen fremde Gewalten oder kriti-sierten nur versteckt und ironisch-lustig politische Missstände der jeweiligen Gegenwart, weil der Bänkelsänger unter einer gewissen Zensur stand (Polizei und politische Spitzel hörten mit zu.
Die Grenzen zwischen den einzelnen Gattungen der Trivialliteratur und gegenüber der sogen. künstlerisch wertvollen Höhenkammliteratur sind stets fließend gewesen. Es ist schwer, die Grenze genauer zu definieren, ab wann ein literarisches Werk eindeutig der hochwertigen Literatur oder der Trivialliteratur zuzuordnen ist. Das hing vom jeweiligen Publikumsgeschmack, vom Zeitgeist, von den Beurteilungskriterien der Literaturkritiker und auch von den Produktionsabsichtender Literatur-Produzenten ab. Alle Richtungen und Gattungen der Trivialliteratur waren wie die hochwertige Literatur in die jeweiligen literarischen Grundströmungen ihrer Zeit eingebettet bzw. waren von diesen beeinflusst.
Seit dem Ende des 18. Jhs. und ab dem 19. Jh. begann eine zunehmende Verbreitung der Trivial-literatur und ihre Entwicklung zur Massenliteratur infolge verbesserter Druck- und Lithographie-verfahren. Man kann auch von einer beginnenden Industrialisierung der Druckerzeugnisse und der Literatur sprechen, die als Voraussetzung eine kontinuierliche Ausweitung der Lesefähigkeit, der Schriftlichkeit und der Lektürebereitschaft hatte. Das beginnende Massenlesepublikum versorgte sich anfangs über Lesezirkel und Leihbüchereien, dann zunehmend durch Kauf billiger Kolportage-Duckerzeugnisse und Familienzeitschriften mit massenhaft verbreiteten Lesestoffen vor allem in Romanform. Es handelte sich dabei weitgehend um Trivialliteratur. Diese, von anspruchsvolleren Zeitgenössischen Kritikern beklagte Lesewut der Volksmassen bevorzugte in der Frühzeit dieses industrialisierten Buchmarktes vor allem sentimentale Familienromane und Verbrechens-, Schauer-, Räuber-, Reise-, Abenteuer- und Ritterromane.
H. Zschokke, C. A. Vulpius u. a. waren frühe Produzenten solcher bekannter deutschsprachiger Trivialliteraturtexte. Im Verlauf der 2., Hälfte des 19. Jhs. kamen dann K. May, L. Ganghofer, H. Courts-Mahler, J. Knittel u. a. hinzu. Ab der 1. Hälfte des 20. Jhs. begann eine zunehmende Auseinandersetzung mit der immer flacher werdenden Trivialliteratur durch Pädagogen und Bibliothekare, deren Ergebnis eine vorwiegend emotional und pädagogisch begründete Ablehnung dieser Literatur als Unkunst, Kitsch, Dekadenz, Billiglektüre, Kulturschädling, Schmutz und Schund war. Man untergliederte verstärkt in hohe und niedere Literatur, in Kunst und Trivialliteratur, in Höhenkammliteratur und in niedere Literatur. An der niederen Trivialliteratur erarbeitete man höchstens die normalen, inhaltlichen und stilistischen Schemata und Wiederholungen, die mangelnden literarischen Innovationen und den unkünstlerischen Stil.
Seit dem Ende der 60-iger Jahre setzte sich im Rahmen des Vordringens literatur-soziologischer Fragestellungen allmählich ein extensiverer Literaturbegriff durch. Man begann verstärkt die ausschließliche Beschäftigung der Literaturwissenschaft mit der tradierten hohen Literatur, die Betrachtung von Texten als ästhetische Kunstwerke zu kritisieren. Immer mehr beschäftigten sich Literaturwissenschaftler mit Texten aller Art, mit deren Verbreitung durch die verschiedenen Medien, mit deren Wirkung auf den Leser und mit dem Rezeptionsverhalten der Literaturkonsumenten. Die strenge Zweiteilung der Texte in Kunst und Trivialliteratur wurde immer mehr aufgehoben und damit die Aufwertung der hohen Literatur und die Diffamierung der niederen Literatur.
Das machte sich bis hin in die Terminologie bemerkbar. Der tradierte, abwertende Begriff Trivialliteratur wurde teilweise ersetzt durch die Bezeichnungen populäre Literatur, volkstümliche Literatur, Unterhaltungsliteratur oder Massenliteratur.
Ebenfalls änderten sich die wissenschaftlichen Methoden der Textbetrachtung bezüglich der Trivialliteratur. Wertende Methoden sind bei dieser Literatur weniger sinnvoll und ergiebig als literatursoziologische Forschungsansätze über den Zusammenhang zwischen realen soziologischen Gegebenheiten und den Inhalten der Trivialliteratur. Mit empirisch-deskriptiven Vorgehensweisen lassen sich sinnvolle Untersuchungen und interessante Ergebnisse über Autoren, Produktion, Verlage, Vertriebsformen und Rezeption von trivialen Texten gewinnen. Trotz aller weiterhin bestehenden Bedenken von Seiten der traditionellen, ästhetisch-wertenden Literaturwissenschaft ist die Trivialliteratur mittlerweile als Untersuchungsgegenstand akzeptiert. Sie ist für eine moderne Literaturgeschichte auch unverzichtbar, weil sonst ein Großteil der Literaturproduktion, Literaturrezeption und der Literaturentwicklung nicht untersucht würde und weil eine Geschichte des literarischen Geschmackes nur sehr lückenhaft bliebe.
4. Zur Geschichte des Unterhaltungsromans
4.1. Die Unterhaltungsromane bis zum Ende des 18. Jahrhunderts
Am Beginn der Neuzeit können zwei literarische Komplexe als Vorläufer der Trivialliteratur in Romanform gelten, nämlich die Amadis-Romane und die Volksbücher.
Die Amadis-Romane wandten sich zwar ursprünglich an ein gebildetes adeliges und groß-bürgerliches Publikum, aber es dominierte inhaltlich-stilistisch weniger der anspruchsvolle höfische Geschmack, sondern Schematismus und Wiederholungen bei den Milieu-, Motiv- und Requisitendarstellungen und eine mangelhafte Stringenz der Gesamthandlung. Die Amadis-Romane wollten und sollten leichte Unterhaltung am Hofe darstellen, gelegentlich angereichert mit sozialer oder satirischer Kritik an der zeitgenössischen Gesellschaft oder Literatur.
Die Volksbücher waren mehr für ein breites, oft die Schriftlichkeit nur mühsam beherrschendes Publikum verfasst. In der Regel waren es diejenigen Kreise, die durch die humanistischen Schulgründungen zwar mit der Schriftlichkeit vertraut geworden waren, die aber selber von der humanistischen Bildung nur wenig mitbekommen hatten. Es handelte sich dabei aber nur um wenige Prozente der Bevölkerung, denn die Mehrzahl der Bevölkerung konnte damals weder lesen noch schreiben. Typisch für diese Volksbücher sind deshalb die Abfassung in deutscher Sprache, die reiche Illustration, die Bearbeitung von Stoffen, die bereits mündliches Volksgut waren, und die textliche Bearbeitung dieser Stoffe durch Autoren, Verleger oder Lektoren mit dem Ziel des größtmöglichen Absatzes. Der Inhalt wurde auf das Ereignishafte reduziert, längere Beschreibungen und Erklärungen wurden möglichst weggelassen, dafür sollten Übertreibungen, Teile mit direkter Rede und Sprich-wörtern und die Versicherung, dass sich die beschriebenen Ereignisse wirklich zugetragen hätten, die Popularität erhöhen.
Bereits im 17. Jh. wurden wegen aller dieser Negativeigenschaften sowohl die Amadis-Romane als auch die Volksbücher als minderwertige Literatur gekennzeichnet, zumal sich die Rezipienten-gruppen innerhalb der sozialen Hierarchie kontinuierlich nach unten verschoben, weil sich die anspruchsvolleren Leser inzwischen den barocken und aufklärerischen Romanen zugewandt hatten.
Zu Anfang des 18. Jhs. kamen als weitere Textkomplexe der Unterhaltungsliteratur/ Trivialliteratur die galanten Romane und die Robinsonaden hinzu. Ab diesem Zeitpunkt sind in der europäischen und deutschen Unterhaltung-/Trivialliteratur bereits alle jene Komponenten enthalten, die sie später auch kennzeichnen sollten, nämlich das Fehlen von besonderen ästhetischen Qualitäten, von Originalität und Erhabenheit, die bedenkenlose Anhäufung von dichterischen Mitteln zu Unter-haltung, zur Belustigung oder zur Fesselung des Lesers, aristokratische Helden, Liebesromanzen und Liebesverwicklungen, erbaulich-sentimentale Belehrungen, erfolgreiche Lebensläufe der Tüchtigen, das Scheitern der Schlechten, usw.
Wenn auch Defoe’s Robinson (1719), der bereits 1721 ins Deutsche übersetzt wurde, über diese Trivialität hinaus noch deutliche, zeitkritische, sozialkritische, pädagogische und utopische Tendenzen beinhaltete, und deshalb auch von denjenigen Lesern akzeptiert wurde, die nicht primär an Unterhaltung interessiert waren, so schritt die Trivialisierung der Nachahmungen doch rasch voran (im Verlauf des 18. Jhs. erschienen ca. 60 Nachahmungen; die für Jugendliche bestimmten Bearbeitungen sind dabei nicht mitgezählt; n. Foltin, 1968, S. 245), so dass für das Ende des 18. Jhs. als hauptsächliche Rezipientengruppe das städtische Dienstpersonal angenommen werden kann. In der 2. Hälfte des 18.J hs. kamen dann die Räuber-, Verbrecher-, Schauer- und Ritterromane hinzu, so dass um 1800 auch schon die wichtigsten Themen und Motive der Trivialliteratur bearbeitet worden waren, nämlich Liebe, Ehe- und Familienprobleme, gesellschaftlicher Auf- und Abstieg, Kriegserlebnisse, Reiseabenteuer, romantische Ferne, Verbrechen, der sich stets erfolgreich durchsetzende kämpferische Held, Utopien, usw.
Diese Zunahme der Trivialliteratur und der Trivialliteratur-Rezipienten scheint wiederum die Produktion und den Absatz von trivialer Literatur gefördert zu haben. In der 2. Hälfte des 18. Jhs. erfolgte geradezu eine Explosion in der Produktion von Romanen, von denen nur knapp 5% zur Hochliteratur gerechnet werden können. In Deutschland scheinen im letzten Jahrzehnt des 18. hs. über zwanzigmal soviel Romane erschienen zu sein wie um die Mitte des Jahrhunderts. Die Auflagen waren zwar noch klein und nicht zahlreich, aber über die aufblühenden Leihbibliotheken und Lesezirkel erreichte jedes Exemplar erheblich mehr Leser als heute. Zusätzlich wurden viele Themenbereiche solcher Unterhaltungsromane durch Bühnenbearbeitungen verbreitet. So dürften um 1800 die damaligen hauptsächlichen deutschen Unterhaltungsroman-Produzenten wie A. G. Meissner, Ch. H. Spieß, Ch. A. Vulpius, K. G. Cramer und A. H. J. Lafontaine in der Leserschaft weitgehend bekannt gewesen sein.
Eine weitere Ursache für die explosionsartige Zunahme der Unterhaltungsliteratur im 18. Jh. war die fast in allen deutschen Ländern eingeführte Schulpflicht, die die Zahl der Lesefähigen erheblich steigerte. Die Aufklärung machte sich das zunutze und gebrauchte neben der Bühnenbearbeitung zunehmend auch den Roman zur Verbreitung ihrer Ideen. Deshalb waren viele damalige Romane auch moralisch-didaktische Romane. Erst allmählich verlagerte sich der inhaltliche Schwerpunkt hin zur mehr unterhaltenden Lektüre. Der deutsche Unterhaltungsroman des 18. Jhs. war also durch Ableitung vom moralisch-didaktischen Roman wesentlich tendenziöser als heute.
Was die regionale Verbreitung der Entwicklung der Unterhaltungsroman-Produktion betrifft, so fällt auf, dass die Zentren die evangelischen Regionen waren, dass sich zwischen den evangelischen und katholischen Rezipientengruppen deutliche Unterschiede in Konsum und Produktion feststellen lassen. Die katholischen Bevölkerungsteile waren deutlich geringer an der Ausbreitung der Trivial-literatur beteiligt. Die Großstädte Nord- und Mitteldeutschlands waren führend auf dem Gebiet der Unterhaltungsliteratur (Hamburg, Berlin, Leipzig, Dresden, Frankfurt/M). Vielleicht hing das auch damit zusammen, dass in den evangelischen Regionen der Verstädterungsprozess schneller voranging und dass sich in den bäuerlichen und besonders in den katholischen Gegenden die Bevölkerung mit der Lektüre der Bibel, von religiösen Traktaten, Flugblättern und Kalendern begnügte. Der Verstädterungsprozess hat also die Verbreitung und Entwicklung die Unterhaltungs-literatur gefördert.
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