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Quellentexte zur Übung Reisen und Mobilität in der Antike


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Universität Regensburg Wintersemester 2007/08

Lehrstuhl für Alte Geschichte Do 10-12

Dr. Babett Edelmann

Quellentexte zur Übung

Reisen und Mobilität in der Antike



1. Apollonios von Rhodos, Das Argonautenepos
I 233 – I 249

Als nun von den Dienern alles bereitgestellt worden war, womit man Ruderschiffe im Innern ausrüstet, wenn Männer gezwungen sind, über das Meer zu fahren, da gingen sie durch die Stadt zum Schiff; die Küste dort wird Magnesisches Pagasai genannt. Um sie herum lief eine dicht gedrängte Volksmenge zusammen; die Helden aber stachen daraus hervor wie funkelnde Sterne zwischen den Wolken. Ein jeder, der sie in ihren Waffen dahineilen sah, sprach folgendermaßen: "Herrscher Zeus, was hat Pelias im Sinn? Wohin schickt er eine so große Schar von Helden fort aus ganz Achaia? Am selben Tag, an dem sie ankommen, könnten sie den Palast des Aietes in verzehrendem Feuer verbrennen, wenn er ihnen das Fell nicht freiwillig aushändigt. Doch die Reise ist gefährlich, eine fast aussichtslose Aufgabe für die, die die Fahrt unternehmen."

So sprach man hier und da in der Stadt. Die Frauen aber erhoben oftmals ihre Hände zum Himmel und flehten zu den Unsterblichen, sie möchten ein glückliches Ende der Reise gewähren. Da sprach die eine weinend und klagend zur anderen: "Arme Alkimede, auch dich hat das Unglück getroffen, wenn auch sehr spät, und du konntest dein Leben nicht glanzvoll beenden. Auch Aison hat ein sehr schlimmes Schicksal: Wahrlich, es wäre besser für ihn, wenn er schon in Leichengewänder gehüllt unter der Erde läge und von diesen schlimmen Prüfungen nichts mehr wüsste. Wenn doch, als die Jungfrau Helle umkam, eine dunkle Woge auch den Phrixos samt dem Widder unter sich begraben hätte! Doch das schlimme Untier ließ sogar eine menschliche Stimme ertönen, um Alkimede noch viel später Leid und unzählige Schmerzen zu bereiten."
I 304-449

So sprach er und verließ umgehend das Haus, um zur Fahrt aufzubrechen. Wie ApolIon aus seinem von Düften erfüllten Tempel durch das heilige Delos oder Klaros oder auch durch Pytho oder das an den Ufern des Xanthos gelegene weite Lykien schreitet: So schritt Jason durch die Volksmenge, und wie aus einem Mund erscholl ermunternder Zuruf. Da begegnete ihm die alte Iphias, die Priesterin der städtebeschirmenden Artemis, und küsste ihm die rechte Hand; doch sie konnte, sosehr sie es wollte, nichts zu ihm sagen, da die Menge vorwärts strebte; sie, die Alte, wurde dort von den Jüngeren beiseite gedrängt und zurückgelassen. Jason aber entschwand in weite Ferne.

Nachdem er aber die gut befestigten Straßen der Stadt hinter sich gelassen hatte, kam er zur Küste von Pagasai, wo ihn die Gefährten empfingen, die gemeinsam bei der Argo warteten. Er trat auf die Rampe, die anderen versammelten sich gegenüber. Da bemerkten sie Akastos und Argos, die zusammen aus der Stadt herabkamen, und wunderten sich, als sie sie sahen, da sie gegen den Willen des Pelias in aller Eile aufgebrochen waren. Der eine, der Arestoride Argos, hatte ein Stierfell mit dunklen Zotteln, das bis auf die Füße reichte, um die Schultern gelegt, der andere einen schönen Mantel, den ihm seine Schwester Pelopeia geschenkt hatte. Dennoch aber hielt Jason sich zurück, die beiden im einzelnen auszufragen, sondern forderte die Gefährten auf, sich zu gemeinsamer Beratung niederzulassen. Sie setzten sich alle nebeneinander an Ort und Stelle auf die zusammengerollten Segel und den umgelegten Mastbaum, und der Sohn des Aison sprach zu ihnen die klugen Worte: "Alles, was zur Ausrüstung eines Schiffe gehört, liegt ganz vorschriftsmäßig zur Abfahrt bereit; deshalb sollten wir uns nicht mehr lange Zeit mit dem Auslaufen lassen, sofern nur günstige Winde wehen. Jetzt, Freunde, da wir später wieder gemeinsam nach Hellas zurückkehren wollen und nun gemeinsam zum Land des Aietes fahren, wählt ganz unparteiisch den Besten von uns zum Anführer, der für alles die Verantwortung tragen und insbesondere entscheiden soll, ob man mit den Fremden Krieg beginnt oder Verträge schließt."

So sprach er. Die jungen Leute blickten fragend auf den kühnen Herakles, der mitten unter ihnen saß, und alle forderten ihn einstimmig auf, das Kommando zu übernehmen; der aber blieb auf seinem Platz sitzen, streckte die rechte Hand aus und sagte: "Keiner soll mir dieses Ehrenamt antragen, denn ich werde es nicht annehmen, wie ich es auch verhindern werde, dass ein anderer sich zur Wahl stellt: Derselbe, der uns zusammenrief, soll auch unsere Schar anführen." So also sprach er edelmütig, und sie stimmten der Aufforderung des Herakles zu. Voller Kampfeseifer sprang Jason selbst freudig auf und sprach folgendes zu den ungeduldigen Gefährten: "Wenn ihr mir also wirklich dieses Ehrenamt anvertrauen wollt, dann soll die Fahrt sich - wie auch schon früher gesagt - nicht länger verzögern. Lasst uns jetzt rasch ein Mahl bereiten und Phoibos mit Opfern gnädig stimmen! Solange die Knechte, die mir die Ställe beaufsichtigen, unterwegs sind, um Rinder sorgfältig aus der Herde auszuwählen und hierherzutreiben, wollen wir in der Zwischenzeit das Schiff ins Meer ziehen; wenn ihr die gesamte Ausrüstung eingeladen habt, könnt ihr die Plätze an den Ruderbänken verlosen. Danach wiederum wollen wir Apollon als dem Gott der Seefahrt am Ufer einen Altar errichten, da er mir in einem Orakel versprach, den Weg über das Meer durch Zeichen zu weisen, falls ich mit Opfern für ihn die Fahrt im Auftrag des Königs begänne."

So also sprach er und machte sich als erster ans Werk; die anderen folgten seiner Aufforderung und erhoben sich ebenfalls. Ihre Kleider legten sie ab und stapelten sie auf einem glatten Felsen, den das Meer nicht mit seinen Wogen erreichte, den aber früher einmal die winterliche Salzflut abgespült hatte. Zuerst umgürteten sie auf Anweisung des Argos das Schiff straff mit gut in sich gedrehten Tauen und zurrten sie auf beiden Seiten fest, damit die Balken sich mit den Bolzen gut ineinanderfügten und der andrängenden Gewalt des Wassers standhielten. Sie gruben sogleich eine Fahrrinne, so breit wie der Raum, den das Schiff einnahm, und zwar vom Bug bis zum Meer, so weit, wie das Schiff, von ihren Händen geschoben, rollen sollte. Ohne Verzug gruben sie dann nach und nach tiefer unter den Vordersteven und legten in der Rinne geglättete Walzen aus. Sie ließen das Schiff sich nach vorn auf die vordersten Walzen neigen, damit es sich, auf ihnen herabgleitend, vorwärts bewege. Die Ruder, die eine Elle weit hervorstanden, drehten sie auf beiden Seiten in die Höhe und banden sie an den Ruderpflöcken fest. Sie selbst stellten sich in den Zwischenräumen zu beiden Seiten auf und stemmten sich mit Brust und Händen gegen das Schiff. Tiphys ging an Bord, um den jungen Männern das Kommando zu geben, wann sie schieben sollten. Laut rufend gab er das Zeichen, die aber stemmten sich mit ihrer ganzen Kraft dagegen und stießen das Schiff von unten mit einem einzigen Schwung von seinem Platz. Sie fühlten neue Kraft in ihren Füßen und trieben es Stück für Stück vorwärts: Da folgte ihnen die Pelische Argo ganz leicht, während sie auf beiden Seiten jeden Ruck mit lautem Schreien begleiteten. Die gewaltigen Walzen knirschten unter der Last des Kiels, und infolge der Reibung stieg ringsum dunkler Qualm empor. So glitt das Schiff ins Meer. Es schoss nach vorn, die aber hielten es mit Seilen an Ort und Stelle zurück. An den Ruderpflöcken richteten sie die Ruder ein und brachten den Mastbaum, gut gefertigte Segel sowie Reiseproviant an Bord. Nachdem sie alles im einzelnen umsichtig besorgt hatten, losten sie zuerst die Ruderplätze aus, wobei sich jeweils zwei Mann auf einer Bank einrichteten. Die mittlere behielten sie dem Herakles und - getrennt von den übrigen Helden - dem Ankaios vor, der die Stadt Tegea bewohnte: Diesen allein überließen sie die mittlere Ruderbank direkt, ohne Los; die Aufgabe, das Steuerruder des gut laufenden Schiffs zu führen, vertrauten sie einstimmig dem Tiphys an.

Dann wiederum trugen sie Kieselsteine vom Strand zusammen und errichteten dort am Ufer einen Altar, Apollon als dem Küstenbeschützer und dem Gott der Seefahrt geweiht. Darauf schichteten sie rasch Scheite trockenen Ölbaumholzes. Unterdessen hatten die Hirten des Aisoniden zwei Rinder von der Herde herbeigeführt; die jüngeren der Gefährten schleppten sie in die Nähe des Altars, dann brachten sie Weihwasser und Opfergerste. Jason aber rief den heimischen Apollon an und betete: "Höre mich, Herr, der du Pagasai und die Stadt Aisonis, die nach meinem Vater benannt ist, bewohnst! Du hast mir ja, als ich dein Orakel in Pytho befragte, versprochen, zu zeigen, wie ich den Weg vollenden und ans Ziel gelangen kann; du selbst hast ja das Unternehmen veranlasst. Du selbst nun lenke das Schiff mit den Gefährten unversehrt dorthin und wieder zurück nach Hellas. Später werden wir dir dann entsprechend der Zahl der Heimgekehrten prächtige Stieropfer, wiederum auf diesem Altar, darbringen; andere reichliche Gaben werde ich dir nach Pytho, andere nach Ortygia schicken. Nun aber komm, Ferntreffer, und nimm dieses Opfer von uns an, das wir dir zuallererst als Fährgeld für dieses Schiff darbringen. Möge ich, Herr, zu einem günstigen Schicksal die Taue lösen, von deinem Rat begleitet; ein sanfter Wind möge wehen, mit dem wir bei gutem Wetter über das Meer segeln können!"

So sprach er, und beim Beten warf er die Opfergerste. Zum Opfer der Rinder gürteten sich zwei, der starke Ankaios und Herakles. Dieser nun schlug dem Rind mit der Keule mitten aufs Haupt zwischen die Stirn, es brach auf der Stelle zusammen und fiel schwer zu Boden. Ankaios aber schlug mit seiner ehernen Axt auf den breiten Nacken des anderen und trennte die starken Sehnen durch; taumelnd fiel es auf beide Hörner. Eilig nun schlachteten die Gefährten die Rinder, häuteten sie ab, zerlegten sie mit Hieben und schnitten die geweihten Schenkelstücke ab; diese alle umwickelten sie dicht mit einer Fettschicht und verbrannten sie auf den Scheiten; der Aisonide goss ungemischte Trankspenden aus. Idmon aber freute sich, als er den vom Opfer in alle Richtungen leuchtenden Feuerschein sah und den Rauch, der sich daraus in rötlichen Windungen schicksalverheißend erhob; sogleich verkündete er wahrheitsgemäß den Willen des Sohnes der Leto: "Euch haben die Schicksalssprüche der Götter bestimmt, das Vlies hierherzubringen; in der Zwischenzeit aber warten unendliche Mühen auf euch, sowohl auf der Hin- als auch auf der Rückfahrt. Mir jedoch ist es durch die grausame Fügung einer Gottheit bestimmt, irgendwo in der Ferne auf dem kleinasiatischen Festland zu sterben. Obwohl ich so durch unheilverkündende Vogelzeichen auch schon vorher um mein Todesschicksal wusste, habe ich meine Heimat verlassen, um das Schiff zu besteigen und dadurch meiner Familie ein ruhmvolles Andenken zu hinterlassen."
II 537-647

Athene jedoch blieb es nicht verborgen, dass sie ihre Fahrt fortsetzten. Sogleich bestieg sie eilends mit den Füßen eine leichte Wolke, die sie trotz ihres Gewichts schnell befördern konnte, und eilte zum Pontos; sie wollte den Ruderern helfen. Wie wenn ein Mann, aus der Heimat vertrieben, umherirrt - wie ja oft wir leidgeprüften Menschen verschlagen werden, wobei kein Land zu entfernt ist und alle Wege dem Blick offenstehen - und an sein Haus denkt, während sich ihm zugleich die Wege über Meer und Land zeigen, und er seinen scharfen Blick unruhig bald hierhin, bald dorthin schweifen lässt: So schnell also flog die Tochter des Zeus hinab und setzte ihren Fuß auf das unwirtliche Gestade der Thyner.



Als die Helden nun zu der gewundenen Meerenge kamen, die auf beiden Seiten von schroffen Felsen begrenzt ist, riss eine wirbelnde Strömung von unten das fahrende Schiff mit sich, und durch den Wogenschwall kamen sie weit nach vorn. Schon traf das Dröhnen der zusammenprallenden Felsen unablässig ihre Ohren, und es brüllten die meerumspülten Ufer: Da nun erhob sich Euphemos, die Taube fest in der Hand haltend, um auf das Vorderdeck zu steigen, während die Gefährten auf Anordnung des Hagniaden Tiphys sich mit Eifer in die Riemen legten, um jetzt, im Vertrauen auf ihre Kraft, durch die Felsen zu rudern. Als sie um die letzte Krümmung bogen, sahen sie plötzlich die sich öffnenden Felsen, und der Mut verließ sie. Euphemos aber ließ die Taube sich auf ihren Flügeln davonschwingen, jene aber hoben alle zusammen den Kopf, um ihr nachzublicken; die Taube flog durch die Felsen. Diese beiden trieben dröhnend wieder gegeneinander; gewaltig erhob sich die kochende Gischt wie eine Wolke; schrecklich brüllte das Meer, und weithin dröhnte der gewaltige Äther. Die Hohlräume unter den schroffen Klippen brausten vom einströmenden Wasser, und der weiße Schaum der sich brechenden Wogen spritzte bis hoch auf das Ufer. Da erfasste die Strömung das Schiff von allen Seiten - inzwischen kappten die Felsen die äußersten Enden der Schwanzfeder der Taube, die selbst unversehrt entkam. Da jauchzten die Ruderer laut auf. Tiphys aber schrie ihnen zu, sie sollten aus Leibeskräften rudern, denn die Felsen begannen sich schon wieder zu öffnen. Zitternd vor Furcht ruderten sie weiter, bis derselbe Sog wieder einsetzte und die Strömung das Schiff zwischen die Felsen hinabzog. Da erfasste alle blankes Entsetzen, denn über ihrem Haupt schwebte das unentrinnbare Verderben. Schon war hier und dort der breite Pontos zu sehen, als plötzlich vor ihnen ein gewaltiger Wellenberg auftauchte, einer steilen Felswand gleichend. Als sie ihn sahen, duckten sie sich mit den Köpfen zur Seite, denn er drohte herabzustürzen und das ganze Schiff unter sich zu begraben; Tiphys aber kam ihm zuvor, indem er das unter den Ruderschlägen ächzende Schiff ein Stück gleiten ließ. Dadurch rollte der größte Teil der Woge unter dem Kiel her. Dann aber hob sie das Schiff vom Heck her in die Höhe und trug es oben auf ihrem Kamm mit sich von den Felsen weg. Euphemos aber ging durch sämtliche Reihen der Gefährten und feuerte sie an, sich mit aller Kraft in die Riemen zu legen; die aber schlugen unter rhythmischem Rufen die Flut. So weit aber das Schiff den Rudern nachgab, zweimal so weit trieb es wieder zurück; die Ruder bogen sich unter der gewaltigen Kraft der Helden, so dass sie gekrümmten Bogen glichen. Da kam erneut eine sich brechende Woge heran, das Schiff aber rollte auf der riesigen Welle wie auf einer Walze, vornübergeneigt, dem Wellental entgegen. Mitten zwischen den Symplegaden aber ergriff die wirbelnde Strömung das Schiff, die Felsen näherten sich dröhnend von beiden Seiten, und das Schiff saß fest. Da drückte Athene mit der Linken kräftig einen Felsen zurück und stieß mit der Rechten das Schiff, damit es ganz hindurchfuhr; dies aber schoss wie ein gefiederter Pfeil durch die Luft. Dennoch rissen die Felsen, die unerbittlich gegeneinanderprallten, das äußerste Ende des Aufbaus am Heck ab. Athene ihrerseits schwang sich hinauf zum Olymp, als sie unversehrt entronnen waren. Die Felsen aber blieben nahe beieinander an einem Ort unbeweglich verwurzelt: Das war ja von den Göttern bestimmt, wenn einer sehenden Auges mit dem Schiff hindurchführe.

Die Helden aber, eben noch von grausiger Angst geschüttelt, atmeten jetzt sicherlich auf und blickten ringsum in den Himmel und zugleich auf das weithin offen daliegende Meer: Sie glaubten ja, sie wären dem Hades entronnen. Da begann Tiphys als erster mit folgenden Worten: "Ich hoffe, dass wir und das Schiff dies nun endgültig überstanden haben! Kein anderer aber hat so sehr Anteil daran wie Athene, die dem Schiff göttliche Kraft einhauchte, als Argos es mit Bolzen zusammenzimmerte: Es ist ihm nicht bestimmt, zerstört zu werden. Sohn des Aison, da ein Gott uns den Felsen entkommen ließ, fürchte dich nicht mehr so sehr vor diesem Auftrag deines Königs! Der Agenoride Phineus sagte ja, dass hiernach leichtere Aufgaben zu erfüllen seien. " So sprach er und setzte sogleich das Schiff in Bewegung, entlang der bithynischen Küste, geradewegs mitten durch das Meer. Jason aber antwortete ihm mit freundlichen Worten: "Tiphys, warum versuchst du mich zu trösten, der ich darüber bekümmert bin? Ich habe gefehlt und einen schlimmen, nicht wiedergutzumachenden Frevel begangen. Denn ich hätte mich sogleich, als Pelias es mir befahl, dieser Fahrt strikt verweigern müssen, selbst wenn ich, unbarmherzig in Stücke gerissen, hätte sterben müssen. Jetzt aber habe ich mir übergroße Furcht und unerträgliche Sorgen aufgebürdet: Ich fürchte mich, die eisigen Pfade des Meeres mit dem Schiff zu durchfahren, ich fürchte mich, wenn wir an Land gehen, denn überall gibt es feindliche Männer. Jede Nacht durchwache ich stöhnend bis zum Morgen und bedenke alles im einzelnen, seitdem ihr euch damals meinetwegen versammelt habt. Du hast leicht reden, da du dir nur um dein eigenes Leben Sorgen machen musst! Ich dagegen sorge mich um das meine nicht im geringsten, wohl aber fürchte ich um den einen wie den anderen, um dich und um die anderen Gefährten, ob ich euch heil nach Hellas zurückbringen kann."

So sprach er, um die Helden auf die Probe zu stellen. Die aber protestierten lauthals mit mutigen Reden. Da freute sich Jason im Herzen über ihren Zuspruch und ergriff erneut das Wort, doch diesmal ohne Verstellung: "Ach Freunde, an eurer Stärke wächst mein Mut! Deshalb wird mich in Zukunft keine Furcht mehr lähmen, selbst wenn ich durch die Abgründe des Hades führe, sofern ihr nur in schlimmen Gefahren unerschütterlich seid. Doch nachdem wir den Symplegaden glücklich entronnen sind, wird uns, glaube ich, später kein weiterer solcher Schrecken mehr bevorstehen, falls wir wirklich auf unserer Fahrt die Anweisungen des Phineus befolgen."
III, 6-166

So nun, im dichten Schilf verborgen, verharrten die Helden in ihrem Versteck. Nur Hera und Athene bemerkten sie; ohne Wissen der anderen unsterblichen Götter und selbst des Zeus gingen sie in ein Zimmer und berieten. Zunächst wollte Hera Athenes Meinung erfahren:

"Mach du nun als erste, Tochter des Zeus, einen Vorschlag! Was ist zu tun? Willst du irgendeine List ersinnen, mit der sie vielleicht das Goldene Vlies des Aietes an sich nehmen und nach Hellas bringen können, oder sollen sie versuchen, ihn mit schmeichelnden Worten zu überreden? Denn er ist zwar äußerst gewalttätig, doch darf man vor einem Versuch nicht zurückschrecken." So sprach sie, ihr aber entgegnete sogleich Athene: "Hera, du fragst mich ohne Umschweife, was ich auch selbst im Geist erwäge! Doch es kommt mir noch keine List in den Sinn, die den Helden nützen könnte - und dabei habe ich schon viele Pläne erwogen." So sprach sie, und beide hefteten ihren Blick auf den Boden zu ihren Füßen, voller Zweifel bei sich hin und her überlegend.

Schließlich kam Hera als erste auf eine Idee und ließ folgenden Vorschlag vernehmen: "Auf, lass uns zu Kypris gehen! Wir wollen uns beide an sie wenden und sie auffordern, ihrem Sohn - sofern er folgsam ist - zu sagen, er solle die zauberkundige Tochter des Aietes mit seinen Geschossen treffen und in Liebe zu Jason entbrennen lassen: Dann wird er, so glaube ich, mit Hilfe ihrer Ratschläge das Vlies zurück nach Hellas bringen." So also sprach sie. Athene gefiel der kluge Plan, und sie antwortete ihr gleich darauf mit freundlichen Worten: "Hera, unkundig der Geschosse des Eros brachte mich mein Vater zur Welt, und irgendein betörendes Verlangen der Sehnsucht kenne ich nicht. Wenn dir selbst aber der Plan gefällt, will ich gern folgen; du aber solltest wohl besser das Wort führen bei der Begegnung!"

So sprach sie; da erhoben sie sich rasch und gingen zum Palast der Kypris: Ihr hinkender Gatte hatte ihn für sie gebaut, gleich nachdem er sie aus dem Haus des Zeus als Gattin heimgeführt hatte. Sie gingen durch den Hof und traten in den Vorraum des Schlafgemachs, wo die Göttin das Bett des Hephaistos zurechtzumachen pflegte. Dieser war in der Frühe zu Schmiede und Amboss gegangen, tief in das Innere der Plankteninsel, wo er allerlei Kunstvolles in funkensprühendem Feuer schmiedete. Sie aber, allein zu Hause, saß auf einem gedrechselten Stuhl gegenüber der Tür und war dabei, ihr Haar, das zu beiden Seiten auf ihre weißen Schultern herabfiel, mit einem goldenen Kamm zu ordnen: Sie wollte sich die langen Locken flechten. Als sie die beiden im Vorraum sah, hielt sie inne, rief sie hinein und erhob sich von ihrem Stuhl; sie ließ sie in Sesseln Platz nehmen und setzte sich dann auch selbst, wobei sie mit ihren Händen die ungekämmten Haare hochband. Lächelnd begrüßte sie sie mit ironisch-freundlichen Worten: "Ihr Lieben, welche Absicht und welches Verlangen führt euch hierher nach so langer Zeit? Warum kommt ihr beiden, die ihr mich doch früher nicht gerade oft besucht habt? Denn ihr seid ja die ersten unter den Göttinnen."

Ihr antwortete Hera mit folgenden Worten und sagte: "Du spottest! Uns beiden aber nagt quälende Sorge im Herzen. Denn schon macht der Aisonide im Phasis sein Schiff fest, er und die anderen, die ihm wegen des Vlieses folgen. Da die Sache jetzt nahe bevorsteht, sind wir um sie alle in furchtbarer Sorge, um den Aisoniden aber am meisten. Den würde ich, selbst wenn er zu Schiff in den Hades führe, um dort unten Ixion von seinen ehernen Fesseln zu lösen, erretten, soviel mir nur Kraft in den Gliedern wäre, damit nur Pelias nicht, dem schlimmen Unheil entronnen, frohlockte; denn dieser hat mich in seiner Überheblichkeit beim Opfern nicht mit Ehren bedacht. Im übrigen war Jason mir auch früher schon sehr lieb, seitdem er mir an der Mündung des stark angeschwollenen Anauros begegnete, als ich den rechten Sinn der Menschen auf die Probe stellte; er kam gerade von der Jagd zurück. Mit Schnee waren alle Berge und Höhen weithin bedeckt, von ihnen stürzten reißende Gießbäche mit Getöse herab. In Gestalt einer Greisin erweckte ich sein Mitleid, und er hob mich hoch und trug mich auf seinen Schultern ganz durch das reißende Wasser. Daher wird er von mir beständig in Ehren gehalten. Außerdem würde Pelias nicht seine Schandtat büßen, wenn du nicht Jason die Heimkehr ermöglichtest."

So sprach sie, Kypris aber fehlten die Worte. Voller Ehrfurcht sah sie, dass Hera gerade sie anflehte, und sagte schließlich zu ihr mit freundlichen Worten: "Ehrwürdige Göttin, es soll für dich nichts Verächtlicheres geben als Kypris, wenn ich jemals dein Verlangen missachte, sei es in Wort oder Tat, sofern diese schwachen Hände etwas vermögen. Und ich will auch keine Gegenleistung verlangen." So sprach sie, Hera aber wiederum sagte besänftigend: "Wir kommen nicht mit dem Verlangen nach Gewalt oder der Kraft von Händen, sondern du sollst einfach nur deinem Sohn auftragen, die Tochter des Aietes mit Sehnsucht nach dem Aisoniden zu erfüllen. Denn wenn jene ihm nur wohlwollend rät, wird er das goldene Fell, so glaube ich, leicht erbeuten und damit nach Jolkos heimkehren, denn sie ist in Listen bewan­dert." So also sprach sie. Kypris aber gab den beiden zur Antwort: "Hera, Athene, euch dürfte er wohl weit eher gehorchen als mir. Denn vor euch wird noch ein Funken Scheu in seinem Blick sein, während er sonst keinerlei Scheu kennt. Denn vor mir hat er keine Achtung, sondern streitet ständig in geringschätziger Weise. Ich hatte, seiner Bosheit überdrüssig, sogar gedroht, ihm vor aller Augen seine unheilvollen Pfeile mitsamt dem Bogen wegzunehmen. Daraufhin drohte er mir zornig folgendes an: Wenn ich nicht meine Hände von ihm fernhielte, solange er seine Wut noch unterdrücke, würde ich mir damit später selbst schaden." So sprach sie. Da blickten die Göttinnen einander an und lachten; die aber wiederum sagte gekränkt zu ihnen: "Anderen gereicht mein Schmerz zum Spott, und ich sollte davon nicht allen erzählen: Es ist genug, wenn ich es selbst weiß. Da es euch beiden aber nun einmal am Herzen liegt, will ich den Versuch machen, ihn zu erweichen; dann wird er mir wohl gehorchen." So sprach sie. Hera aber fasste sie bei ihrer zarten Hand und gab ihr sanft lächelnd zur Antwort: "Dann, Kythereia, tu schnell deine Pflicht, so wie du gesagt hast! Und sei nicht böse und streite nicht mehr voll Zorn mit deinem Sohn, er wird später schon damit aufhören." So sprach sie und erhob sich von ihrem Sitz. Athene folgte ihr, und beide gingen eilig hinaus.

Sie selbst aber ging zu den Schluchten des Olymp, ob sie ihn anträfe. Sie fand ihn abseits im blühenden Garten des Zeus, nicht allein, sondern zusammen mit Ganymedes, den Zeus einst, von seiner Schönheit betört, in den Himmel versetzt hatte, damit er am Herd der Unsterblichen weile. Die beiden ergötzten sich am Spiel mit goldenen Würfeln, wie es Jungen gewöhnlich gern tun. Eros hielt seine linke Hand, schon ganz voll von Würfeln, zur Faust geballt krampfhaft im Gewand versteckt. Aufrecht stand er da, und eine liebliche Röte glühte ihm auf beiden Wangen. Der andere aber hockte kniend neben ihm, schweigend, mit niedergeschlagenen Augen. Er hatte nur noch zwei Würfel, da er einen um den anderen schon vergeblich geworfen hatte, und grollte dem höhnisch lachenden Eros. Und wahrlich, auch die hatte er bald ebenso wie die vorigen verloren; ratlos ging er mit leeren Händen fort und bemerkte Kypris nicht, die sich nahte. Diese trat ihrem Sohn gegenüber, kniff ihn in die Wange und sprach sogleich zu ihm: "Warum lachst du so, du unsäglicher Bösewicht? Du hast ihn wohl, unerfahren wie er ist, betrogen und falsch gespielt! Nun sei lieb und tu mir den Gefallen, um den ich dich bitte, dann will ich dir auch das überaus schöne Spielzeug des Zeus schenken, das ihm Adrasteia, seine Amme, verfertigt hat, als er noch in der Idaiischen Höhle kindliche Dinge im Sinn hatte: einen gutrollenden Ball. Nicht einmal aus den Händen des Hephaistos könntest du ein besseres Geschenk als dieses bekommen. Aus Gold sind seine Ringe gefügt, um einen jeden winden sich zweifache runde Knoten; die Fugen aber sind verborgen, eine dunkelblaue Spirale läuft über sie alle hinweg. Wenn du ihn aber mit deinen Händen wirfst, zieht er wie ein Stern leuchtend seine Bahn durch die Luft. Den will ich dir schenken, du aber schieß deinen Pfeil ab und lass die Tochter des Aietes in Liebe zu Jason entbrennen. Dass es mir aber keine Verzögerung gibt! Denn dann würde die Belohnung geringer ausfallen."

So sprach sie. Dem aber klang ihre Rede verlockend, als er sie hörte. All seine Schätze warf er weg, fasste mit beiden Händen die Göttin mal hier und mal dort am Gewand und hielt sie unablässig fest. Er bettelte, ihm den Ball auf der Stelle zu geben. Sie zog ihn zu sich heran, hielt ihn fest, küsste seine Wangen und entgegnete lächelnd mit freundlichen Worten: "Dafür nun sei Zeuge dein liebes Haupt und auch mein eigenes: Wahrlich, ich werde dir dein Geschenk geben und dich nicht betrügen, wenn du dein Geschoss auf die Tochter des Aietes abgeschossen hast." So sprach sie. Der aber sammelte die Würfel auf, zählte sie alle genau und ließ sie in das gebauschte, glänzende Gewand seiner Mutter fallen. Sogleich hängte er sich mit einem goldenen Band den Köcher um, der an einen Baumstumpf gelehnt war, und ergriff den gekrümmten Bogen; er durchschritt den an Früchten überreichen Garten des mächtigen Zeus und trat dann aus den himmlischen Toren des Olymp, von wo es einen Weg vom Himmel hinab zur Erde gibt: Zwei steile Berggipfel, die höchsten der Erde, halten das Himmelsgewölbe hoch, wo die aufgehende Sonne sich mit den ersten Strahlen rötet. Unten erschienen ihm bald die nahrungspendende Erde, die Städte der Menschen und die von Gottheiten bewohnten Flüsse, bald wieder die Berge, ringsum das Meer, als er weit durch die Lüfte dahinflog.

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