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Neujahr – Psalm 90 Die Zeit ist das Element, in dem wir existieren


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Neujahr – Psalm 90 Die Zeit ist das Element, in dem wir existieren
Christiane Thiel
»Die Zeit ist das Element, in dem wir existieren ... Wir werden entweder von ihr dahin getragen oder ertrinken in ihr.« Joyce Carol Oates
Als reizvolle Lektüre zur Vorbereitung empfiehlt sich: Robert Levine, Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen, München 7998. Diesem Buch entstammt meine Idee, einen Gottesdienst zur Relativität der Zeit zu entwerfen. Ich möchte zur Entschleunigung einladen und zu einer Gelassenheit Mut machen, die sich aus der Endlichkeit, Dehnbarkeit und Verschiedenheit der Zeit speist und im Grunde sich nur einer Gewissheit verdankt: »Denn tausend Jahre sind bei dir, Gott, wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.« (Ps 90, 4)

Ich lese aus diesem Psalm die Einladung zur Gelassenheit heraus, die nichts mit Gleichgültigkeit zu tun hat, sondern mit dem anderen Blick für das Maß.

Im 2 Petr 3,8 greift die verfassende Gemeinde dieses Briefes auf den Psalm zurück, um Gottes Geduld zu illustrieren. Bei Gott rennen die Uhren nicht und Zeit ist auch nicht Geld. Das Maß der Liebe ist das Maß der Zeit Gottes: »Wenn man mit einem netten Mädchen zwei Stunden zusammen ist, hat man das Gefühl, es seien zwei Minuten; wenn man zwei Minuten auf einem heißen Ofen sitzt, hat man das Gefühl, es seien zwei Stunden. Das ist Relativität.« (A. Einstein)
Uns scheint durch die modernen Zeitmessmethoden die Zeit eine konstante Größe. Dem widerspricht die Physik: »Physiker haben festgestellt, dass die Zeit des Universums - vom Urknall bis heute - nicht gleichmäßig und durchgehend verlaufen ist ... Zeit fließt weder überall gleich noch ruhig. Einsteins Relativitätstheorie basiert auf der Annahme, dass die Zeit nicht absolut ist ... Die neue Physik beschreibt die Bewegung der physikalischen Zeit als »unruhig«. Unebenheiten im AII- in der Raumzeit genauer gesagt - entstehen aus der Dynamik der Schwerkraft. Ähnliches gilt auch für die physische Erfahrung der Dauer sozialer Zeit.« (Levine, 85) Die Musik ist in diesem Gottesdienst entscheidend. Ihr Einsatz sollte also sorgfältig abgesprochen werden. Es ist wichtig, den Musi­kern und Musikerinnen die Hintergründe und Beweggründe deutlich zu machen.

Ablauf

Beim Betreten der Kirche ist ein Herzschlag zu hören. Er verklingt erst, wenn das Geläut zu Ende ist und die Orgel einsetzt. Zwei Sprechende (A und B)



Musik

Improvisation zu »Wir warten dein, oh Gottes Sohn«



Begrüßung

A: Ein Gottesdienst zur Zeit.

B: Sie vergeht.

A: Ein Gottesdienst in der Zeit.

B: Die ist so schnelllebig. Unruhig. Gehetzt.

A: Ein Gottesdienst über die Zeit und unser Empfinden für Zeit.

B: Sie rast dahin. Wie ein wildes Tier.

Sie entschwebt.

Sie zerstiebt.

A: Ein Gottesdienst über Leben und Zeit und Gott.

Ein Gottesdienst über unseren Körper und die Zeit.

Gott segne unseren Gottesdienst. Amen
Einstimmung I
B: Hören Sie einige Zeilen aus Erwin Kochs Buch »Sara tanzt« (München 2003):
»Fangen wir an bei den Ursachen menschlichen Lebens. Was bedeutet Herzschlag? Was meint ein Herzschlag? Der Herzschlag entsteht durch Anspannung des Herzmuskels, Systole, und durch Entspannung, Diastole. Dies, mein Hauptmann, ist das Urmuster organischer Bewegung, selbst wenn, solches leugne ich nicht, moderne Messgeräte festgestellt haben, dass die Systole kürzer ist, als die Diastole. Immerhin: Leopold Mozart, Vater seines berühmten Sohnes Wolfgang Amadeus, verwendete zur Charakterisierung des Taktes noch die Begriffe Systole und Diastole. Selbige Zweizeitigkeit wiederholt sich in sämtlichen Formen organischer Bewegung, in der Bewegung der Hände, der Schritte, des Atmens. Atemzug meint einatmen und ausatmen. Der Schritt der Römer, ein Längenmaß, war ein Doppelschritt, links und rechts, hundertachtundvierzig Zentimeter, passus genannt.

Der große Johann Joachim Quantz schrieb in seinem Werk Versuch einer Anweisung, die Flöte traversiére zu spielen, Paragraph 17, V. Hauptstück, den Satz: »Der Musikus habe mit der Spitze seines Fusses Schläge zu vollziehen«, wozu, ich zitiere, >wozu man den Pulsschlag an der Hand als Richtschnur nehme<.


Einstimmung 11
A: Suchen Sie mal den Puls an Ihrer Hand. Legen Sie Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand ruhig an den Beginn des linken Armes, unter den linken Höcker des Handballens der linken Hand. Können Sie es fühlen?

Ganz in Ruhe?



Stille

Der Kantor/die Kantorin macht das auch.



Der Herzschlag wird wieder eingespielt. Erst leise, dann lauter

Jetzt nimmt die Musik diesen Takt auf und wir singen das Lied nach dem Takt des Herzens.


Lied
»Wir warten dein, oh Gottes Sohn«
Psalmlesung in zwei Gruppen
Gott, du bist unsere Heimat von Generation zu Generation.

Ehe die Berge wurden und die Meere, ehe unser kleiner blauer Planet,

auf dem sich das Leben durch Liebe und Vereinigung ausbreitet,

von dir geboren wurde nach langer Schwangerschaft,

warst du schon vor allem da und wartetest auf uns.

Du lässt Menschen sterben und rufst neue zum Leben:

Kommt wieder, ihr Kinder von Adam und Eva!

Du lässt Kulturen zugrunde gehen,

wenn sie sich von dir trennen,

und rufst andere ins Leben.

Was uns tausendjährig scheint und unaufhebbar,

die blutige Gewalt,

ist dir eine kurze Nachtwache.

Auch Tyrannen brechen erschöpft zusammen,

Wirtschaftskonzerne lösen sich auf,

und das Wissen unfehlbarer Parteien

wird zum Schnee vom vergangenen Jahr.

Es blühte die Sklaverei und war profitreich,

aber am Abend deines Tages war sie verdorrt.

Es kletterten die Erträge der Rüstung bis in den Himmel,

aber dein Zorn lässt sie zugrunde gehen und dein Grimm wird den geraubten Wohlstand vernichten.

Unsere Ausplünderung der Armen machst du offenkundig,

unsere gut verschleierten Verbrechen stellst du ins Licht.

So fährt unsere Zeit schnell dahin in Angst vor der Wahrheit,

wir verbringen unsere Jahre wie auf einem Drogentrip,

der umkippt zum Horror.

Unser Leben hier währet siebzig Jahre,

in andern Ländern werden viele nicht einmal vier.

Hier treiben wir's achtzig Jahre und länger,

aber die Freude ist schal geworden,

es schleppen die Apparate uns weiter.

Wer schenkt dir schon Glauben, armer Gott ohne Atombomben und ohne Banken,

und wer fürchtet sich schon, wenn deine Fische sterben?

Erinnere uns, dass wir klein sind,

kurzfristig hier auf geliehener Erde wohnend!

Lehr uns, dass wir sterben müssen,

keine Zeit haben für all den Hass,

der unsere Tiefflieger aufheulen macht.

Lehr uns die Tage zählen,

an denen wir an dich denken und dich wieder rufen.

Dreh dein Gesicht zu uns, Gott,

komm zu denen, die nach dir Ausschau halten.

Mach uns satt am Morgen von deinem Licht, dass wir Musik machen und kein Tag ohne Freude sei.

Freu uns doch wieder, Gott, nach all den Jahren der Leere

im Land der Plünderer,

da Blut an unsern Bankpalästen klebt.

Bring uns Brot und Rosen mit, Gott,

deinen Glanz steck den Kindern ins Haar.

Sei hell über uns, mach uns leicht,

zu kommen und zu gehen,

und hilf uns deine Welt zu bewahren,

und treib das Werk unserer Hände voran, die gute Arbeit der Befreiung.

Dorothee Sölle, Gottesdienst in gerechter Sprache. Psalmen, Gütersloh 1998,379
Lesung aus der Hebräischen Bibel
Das Buch der Sprichwörter 8,22-31


Lied

„Der du die Zeit in Händen hast“



Lesung aus dem Neuen Testament

Das Evangelium des Johannes 16,16-23a


Aktion

Bitte fordern Sie die Gemeinde auf, immer dann, wenn die Anwesenden einer Aussage zustimmen, aufzustehen, sich umzusehen, wer noch steht, und sich nach einer kurzen Konzentrationsphase wieder hinzusetzen.
Meine Zeit ist immer knapp.

Ich bin mit großer Eile in den Gottesdienst gelaufen.

Ich koche mein Frühstücksei weich und nach Gefühl.

Als ich jünger war, ist die Zeit langsamer vergangen.

Ich kenne das Gefühl, dass sich Minuten wie Stunden dehnen.

Ich kann mich noch erinnern, wann ich die Uhr gelernt habe.

Wenn ich das Gefühl habe, ich schaffe etwas nicht, dann stehe ich am nächsten Tag früher auf, um mehr Zeit zu haben.

Ich kenne die Standorte der öffentlichen Uhren in der Stadt.

Der Turm unserer Kirche hat eine Uhr.

Ich spüre es, wenn die europäische Sommerzeit begonnen hat.

Zeit ist Geld.

Kommt Zeit, kommt Rat.

Was du heute kannst besorgen, das verschieb getrost auf morgen.

Ich würde gern einmal in die Zukunft schauen und wissen, was heute in hundert Jahren ist.

Ich bevorzuge Uhren mit Zeigern

Verkündigung

Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. (Ps 90,4)
Was ist eigentlich eine Nachtwache?

Menschen, die nicht schlafen können, wachen nachts oft unfreiwillig. Ihnen erscheint die Nacht endlos.


Die Nacht ist der Ort der stillen Beobachtungen, des Grübelns, der Angst, der Liebe.

Wie nehme ich Zeit in der Erinnerung wahr?

Wenn vom gestrigen Tag die Rede ist, was fällt mir da ein?

War es ein schneller Tag? Ein langsamer?


Lied
Schenk uns Zeit, 1+2
Ewigkeiten sind endlich (vgl. D. Sölles Nachdichtung des Psalms).

Welche Auswirkungen hat dieser Gedanke auf mein Leben?

Klingt das zynisch?

Klingt es tröstlich?


Lied
Schenk uns Zeit, 1-3
Der Psalm ist ein Gedicht der Hoffung.

Ich lasse mich von der Hoffnung anstecken.


Ich will mich einüben in ein Denken und Leben der Zeit, das von der Ewigkeit der Zeit ausgeht. Wie könnte das aussehen?

Lied

Unsre Zeit in Gottes Händen (Singen von deiner Gerechtigkeit, 110, 1-7)




Übung
Es steht fest, dass beim Einatmen das Herz schneller schlägt. Es beeilt sich, allen Sauerstoff aufzunehmen. Beim Ausatmen schlägt es langsamer. Es nimmt sich Zeit, das wertvolle Gut Sauerstoff wieder entweichen zu lassen. Diese Beobachtung ist eine der Grundübungen des Yoga. Eine Voraussetzung für jede tiefere Konzentrationsübung.

Ich will das gern mal mit Ihnen probieren. Setzen Sie sich bequem hin.

Aufrecht. Beide Füße am Boden.

Fühlen Sie Ihren Puls wie zu Beginn des Got­tesdienstes.



Stille

Schließen Sie die Augen. Konzentrieren Sie sich auf Ihr Atmen.

Der Atem kommt. Und geht. Atmen Sie locker und tief.

Konzentrieren Sie sich jetzt nur auf den Atem. Zählen Sie: vier Schläge Einatmen, vier Schläge Luft anhalten, vier Schläge Ausatmen.

Erst wenn Sie den spüren, wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit dem Puls zu.

Stille

Können Sie es feststellen? Ganz leicht schneller beim Einatmen. Ganz leicht langsamer beim Ausatmen. Systole schneller. Diastole langsamer.

Spüren Sie das?

Was bedeutet das für die Zeit?

Unsere Musiker und Musikerinnen werden Ihre Übung des Atmens und des Herzschlages jetzt eine kleine Weile begleiten, provozieren und wieder beruhigen. Hören Sie sich ganz gelassen ein. Wenn die Musik verklingt, öffnen Sie die Augen und kommen Sie wieder hier an. Dann halten wir einen Augenblick still. Dann stimmen wir in das nachfolgend improvisierte Lied ein.
Musik
Improvisation zu »Wir strecken uns nach dir«
Lied
„Wir strecken uns nach dir“
Fürbitten
Aussendung und Segen
A: Gott, der die Zeit in die Zeit rief.

B: Segne uns mit Lebenszeit, die wir mit Leben zu füllen vermögen.

A: Gott, der die Zeit geteilt und das Ende der Zeit im Tod erlitten hat.

B: Segne uns mit Gelassenheit, die den Tod nicht fürchtet.

A: Gott, die vor aller Zeit war und ist und bleiben wird.

B: Segne und behüte uns, dass wir gehen und leben,

arbeiten und lieben, segnen, die uns fluchen, und trösten, die weinen.



A: Von nun an bis in Ewigkeit bist du Gott unser Gott. Amen.
Der Herzschlag ist erneut zu hören. Erst leise, dann schwillt er an.

Die Musik nimmt ihn auf.
Musik zum Abschluss
Improvisation zu: »So nimm denn meine Hände«


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